4. Taroko International Marathon 2004 in Taiwan (November 2004)
Wendepunktbändchen statt Chip
Von Annette Leschner
Der vierte Taroko International Marathon 2004 wurde trotz natürlich deutlicher Überzahl asiatischer Teilnehmer von dem Kenianer David Kariuki dominiert, der in 2:21 Stunden vor einem südafrikanischen und einem russischen Läufer gewann. In der Damenkonkurrenz hatten die Chinesinnen die Nase vorn.
Die ausnehmend gut gelaunte und freundliche Stimmung der Läufer einerseits sowie der Organisatoren und Helfer andererseits machten dieses Lauf-Event zu einem besonderen Ereignis.
Schon im Dezember letzten Jahres entsprang die Idee, in Taiwan den recht jungen – und damit zunächst als Insidertipp gehandelten – Taroko International Marathon in der R.O.C. Taiwan laufen zu wollen. Gerüchten zufolge würden da nämlich nur etwa 1.000 Teilnehmer an den Start gehen, was an den hohen Temperaturen des außerdem tropischen Klimas liege, und als zusätzliches Bonbon wäre man als Mitteleuropäer sowieso recht einsam auf weiter Flur eines asiatischen Marathons durch eine der schönsten Schluchten der Welt.
Im Laufe der Vorbereitungen, die im Frühsommer langsam auf Touren kamen, stellte sich dann aber doch heraus, dass der Marathon nicht nur bekannt ist in Taiwan und China, sondern sich die Ausrichter – allen voran New Balance – schließlich auch über eine stattliche Teilnehmerzahl von 8.000 Startern insgesamt über die Distanzen 5km, 21,1km und 42,195km freuen durften.
Auf der Internetseite wurden die Informationen im Laufe der Zeit etwas detaillierter, so erfuhren wir, dass zwei Wendepunkte auf der Marathonstrecke zu absolvieren wären – bei Kilometer 2,5 und bei Kilometer 23 – und dass dort gelbe und rote Bändchen verteilt würden, die man im Ziel den Helfern bei der Registrierung vorzeigen müsse. Als unsere Läufertruppe der Troisdorfer LG M.U.T. zwei Tage vor dem Start aus dem Flieger stieg, hatten wir also eine nur ungewisse Idee von der Strecke und von dem Ablauf. In unserem Freund und "Reiseleiter" Jürgen Peglow – seit drei Jahren mit seiner Familie in Taiwan wohnhaft - hatten wir allerdings den perfekten Organisator gefunden. Die Startnummernausgabe findet im einzigen Fußballstadion der Hauptstadt Taipeh statt und hier sind bereits alle so freundlich, dass wir mit unseren Startunterlagen und einer Menge Postern unter dem Arm Gelegenheit haben, die Starterlisten in Buchformat zu studieren. Wenn man der Liste glauben darf, starten nur 32 Personen, die ihren Namen nicht in chinesischen Schriftzeichen schreiben, überhaupt können wir außer einigen wenigen Zahlen nichts lesen. Nicht mal die zahlreiche Werbung. Der Lauf ist wohl doch etwas bekannter… Wir erfahren aber, dass die meisten Starter aus Taipeh kommen, aus China und die "Westler" auch zu neunzig Prozent in Taipeh leben und arbeiten.
Die Anreise in die Taroko-Schlucht ist am sinnvollsten mit dem Zug. Aus der Hauptstadt Taipeh fährt dieser nur knapp über drei Stunden bis in die Küstenstadt Hualien, von der aus man mit dem Bus bequem in die Schlucht und somit zum Start fahren kann. Der Fahrpreis von umgerechnet 20 Euro ist dazu sehr günstig. Die Anreise mit dem Auto ist zwar landschaftlich ausgesprochen reizvoll, allerdings sollte man dann auch wenigstens sieben Stunden Fahrtzeit einplanen. Als dritte Möglichkeit bietet sich die Anreise mit dem Flugzeug an, mit einer dreiviertel Stunde Flugzeit sicherlich am schnellsten und nur unwesentlich teurer als ein Zugticket. In der Taroko-Schlucht selbst lässt es sich mit vier Sternen im Formosa Regent Hotel in Tienshan sehr gut wohnen – im Doppelzimmer für 165 Euro – und man ist direkt am Wendepunkt bei Kilometer 23 – für kleinere Geldbeutel gibt es fast nebenan das Youth Hostel, das ebenfalls absolut zu empfehlen ist und mit ca. 50 Euro für ein Doppelzimmer deutlich günstiger liegt. Ein Bus Shuttle, der im Hotel buchbar ist, fährt direkt zum Start, auf öffentliche Verkehrsmittel darf man nicht hoffen, da die Strecke schon morgens wegen des Marathons gesperrt wird und man zudem schon sehr früh unterwegs sein wird, weil der Start auf sieben Uhr angesetzt ist und das aus gutem Grund. Die Temperaturen steigen schnell bis auf freundliche 28 Grad, die höher werdende Luftfeuchtigkeit macht es auch nicht leichter, und beides zusammen zehrt deutlich an den Kräften, denn der Taroko-Marathon birgt unerwartete 500 Höhenmeter, die sich aufgrund der Wendepunktstrecke auf die Kilometer fünf bis 23 konzentrieren. Und dann geht es wieder bergab…
Die Verpflegung während des Laufes ist hervorragend, etwa alle drei bis vier Kilometer gibt es Wasser und Iso-Getränke, Bananen, Schokolade und Früchte, ständig Schwämme und überaus motivierte, freundliche, lustige Helfer. Die geringe Teilnahme europäischer Läufer, vor allem aber unser eigens entworfenes Laufshirt mit dem Gruß "Deutschland grüßt alle Taiwanesen" in chinesischen Schriftzeichen auf dem Rücken brachte uns Begeisterung und zahlreiche Bitten zu Fotoshootings, die so manchem Model Ehre gemacht hätten.
Das Besondere an diesem Marathon ist zweifellos der "Austragungsort". Die Tarokoschlucht zieht sich inmitten der taiwanesischen Insel von der West- zur Ostküste und ist landschaftlich nur atemberaubend zu nennen. Die asphaltierte Strecke ist vom Start bis zum Ziel abwechslungsreich. Sie bietet vom einzigartigen Schluchtenblick bis hin zur Aussicht auf imposante Berge mit tropischer Vegetation zudem architektonische und kulturelle Highlights. Leicht beleuchtete Tunnel wechseln sich ab mit Hängebrücken, die von den Läufern ganz ordentlich in Schwingung gebracht werden. Zum Ausgleich können diejenigen Läufer, die durch Meditation ihre eigenen Schwingungen wahrnehmen, an den zahlreichen Tempeln am Wegesrand ihre innere Ruhe und Mitte wieder finden.
Im Ziel schließlich erhält jede/r Läufer/in eine Medaille, ein T-Shirt und ein Handtuch, die Finisher des Halbmarathons bekommen noch ein paar Socken und für die Marathonläufer gibt es direkt, sofort, ja unmittelbar was zu essen. (Böse Zungen behaupten, die Chinesen würden nur wegen des Essens starten, weil sie ständig essen und trotzdem schlank bleiben und wären auch nur deshalb so schnell im Ziel.)
Duschen können wir im Zielbereich nicht entdecken. Natürlich gibt es jede Menge Verpflegung, Laufsouvenirs und taiwanesische Folklore und auch hier hilfsbereite Helfer, die versuchen, den Weg zum Shuttle-Bus zu weisen. Die Kommunikation gestaltet sich allerdings insgesamt in Taiwan etwas schwierig, denn nur selten finden sich englisch sprechende Taiwaner. Das gilt besonders für Taxifahrten. Es empfiehlt sich, eine Visitenkarte des Hotels bei sich zu tragen, die man bei Bedarf dem Taxifahrer zeigen kann. In den Hotels sieht es etwas besser aus, jedoch braucht es etwas Geduld bei der Verständigung, die allerdings durch die Höflichkeit und Hilfsbereitschaft aufgewogen wird.
Es ist unbedingt empfehlenswert, etwas Zeit für diesen Marathon und die Reise mitzubringen, denn Land und Leute sind es absolut wert, näher kennen gelernt zu werden. Denn neben der Taroko-Schlucht und einem Ausflug zu den heißen Quellen in Wenshan, einer Wanderung durch den Baiyang-Trail mit Hängebrücken und Durchquerung von Wasserfällen oder dem Besuch des Klosters in Tienshan ist ein Aufenthalt in Taipeh eine absolute Bereicherung. Nicht nur das höchste Gebäude der Welt - der Taipeh 101 – sondern auch die Snake Alley (der Name hält, was er vermuten lässt) und diverse Nachtmärkte sind nachhaltig beeindruckend (abgesehen von der "asiatischen Idee" des häufigen Essens, der wir uns nur zu gerne angeschlossen haben).
Wer sich für eine solche Marathon-Reise interessiert, sollte sich unbedingt umfassend informieren und im Reisebüro schon so weit wie möglich alle Buchungen vornehmen. Wer darüber hinaus noch Fragen zu diesem Marathon oder der Reis(e)vorbereitung hat, kann sich gerne an folgende e-mail-Adressen wenden:
annette.leschner@epost.de oder wolfgang@puetz.de.



