November ist, wenn man trotzdem läuft
Für den 7. Sechsstundenlauf in Troisdorf (also Stunde 37 bis 42) hatte die MUT einen für das Rheinland besonders markanten Termin erwischt: den 11.11., will heißen Karnevalsbeginn um 11:11 Uhr inklusive. Närrische Aussichten also. Und der Veranstalter, der sich jedes Jahr mit einer Top-Laufveranstaltung die Trauben hoch hängt, wollte das auch nutzen, um den Ultras das Brauchtum nahe zu bringen. Leider zogen es aber alle Tollitäten vor, den Einstand in die Session in einer Halle zu geben. Das war für Narren eine verblüffend weise Entscheidung, wie sich zeigen sollte. Der Vortag war bereits durch eine Wetterlage gekennzeichnet, bei der man sich am besten mit einem guten Buch, einem passenden Getränk und idealerweise einer Katze auf das Sofa in Heizungsnähe zurückzieht. Grau, nass, windig. Die gute Nachricht: die Temperaturen sollten am Sonntag in den zweistelligen Bereich steigen. Die schlechte: das sollte die einzige Änderung bleiben. Letzte Hoffnung: wie immer straft Troisdorf die schlechten Wetterprognosen. Zuverlässiger ist ohnehin unser Kater. Will er raus, ist Hoffnung. Verlässt er die Wohnung nicht, sieht es tatsächlich finster aus. Um 7:00 Uhr am Sonntag will er raus, trotz Regen. Ein gutes Omen. Um 7:20 Uhr will er wieder rein. Mein Optimismus sinkt augenblicklich. Aber um 8:00 Uhr will er wieder raus gelassen werden. Uns erwarten also wechselhafte Wetterbedingungen. Und wie immer das so geschätzte inoffizielle Jahresabschlusstreffen der Szene. Die Halle in Troisdorf ist so schön, das Verwöhnbuffet schon am Morgen aufgebaut. Und in der Damenumkleide hat man (wohl einzigartig bei Läufen und patentwürdig) eine "Fönstation" eingerichtet. Ein Spiegel in Kopfhöhe mit Mehrfachstecker. Die MUTler(innen?) werden auch im verflixten siebten Jahr nicht müde, Raum für Verbesserung zu finden, wo eigentlich gar keiner mehr sein kann. Doch der Start um 10:00 Uhr naht und wir Freiluftsportler müssen die schöne Halle für gute sechs Stunden verlassen. Gemächlich bewegen wir uns zum Aggerstadion. Da ist irgendetwas anders. Eine Solaranlage. "Lass die Sonne rein" (oder so) heißt es auf der Werbeanbringung. Wie spaßig. Aber das ist es nicht. Da fehlt doch was. Die Wendepunktpuppe sitzt schon auf ihrem Stuhl. Völlig durchnässt und irgendwie mitgenommen, denn ein Bein hat zwei Gelenke, bzw. Beugungen. Aber das ist auch nicht so irritierend. Richtig: es fehlen die vertrauten Chip-Matten auf der Stadionbahn. Und ich habe mindestens dreimal geschaut, ob mein Championchip, am Laufschuh befestigt ist. Karnevalsbeginn im Rheinland. Zählen wir unsere Runden selber und teilen diese den Restmetervermessern mit? Weltbestleistungen am Stück in Troisdorf… Nein natürlich nicht. Das Pech erwischt das Team um Uli Knab und Sabine Schäfer diesmal nicht nur mit schlechten äußeren Bedingungen. Der Wagen des Auswertungsteams ist liegen geblieben. Ein Ersatzfahrzeug auf dem Weg. Und man hat Telefonkontakt. Also eine kurze Galgenfrist, die sich angenehm im Aufenthaltsraum für die Staffeln überbrücken lässt. Hier ist es schön. So trocken. Dann wird die Zeitmessung schnell aufgebaut. Unter dem Stadiondach schauen alle zu. Ein kräftiger Regenguss prasselt hernieder. Der bleibt uns schon mal erspart. Dann der Startschuss und ab in die Nässe. Der Damm bietet Kneippkur inklusive und lässt Crossflair aufkommen. Schlammfarbene Waden (bei den schnellen Staffeln spritzt es bis zum Hals – beeindruckend) werden sich zu dem grauen Himmel und dem Nass gesellen. Wind passt auch wunderbar zu der Herbststimmung. War da was mit golden? Wahrhaftig: November, ja, du bist’s. Dich hab ich vernommen. Ultras sind hart im Nehmen (nun ja, unsere Unpässlichkeiten und Wehwehchen, die nehmen wir natürlich sehr ernst, aber gelaufen wird immer, irgendwie, irgendwohin und möglichst lange). Und so ist das Starterfeld nicht dezimiert. Nur wenig Vormelder sind nicht gekommen. Sogar Nachmeldungen gibt es einige. Und zwischendurch lässt der Regen nach. Hört mal auf. Kommt wieder. Mal kräftig, mal moderat. Zwischendurch sogar Sonne, die am Damm mächtig blendet. Und zwei Läuferinnen laufen kostümiert. Eine ist Ingeborg Krieger. Sie hat mir gesagt, dass sie ihr Regencape dabei hat. Es wirkt diesmal etwas anders, aber wer weiß, wie es ohne aussähe. Uli Knab fegt in einer Trockenphase den Damm frei von Wasser. Und das bringt unglaublich viel. Der Damm ist tatsächlich richtig trocken. Kurzfristig. Bis ein heftiger Schauer den Weg wieder flutet. Das war nicht fair! Die Wendepunktpuppe verschwindet auch von ihrem Platz, und ihr freier Stuhl ist bei den Bedingungen wohl für niemanden eine Versuchung. Bei der siebten Auflage streicht sie die Segel. Ein Opfer von Regen und Wind. Für Schaufenster und Innendekoration konstruiert, ist dieser Außeneinsatz zu viel. Verständlich. Aber das menschliche Ultramaterial erweist sich als zäher. Denn wie immer wird in Troisdorf die Jahresbestenliste umgeschrieben. Trotz deutlich suboptimaler Bedingungen. Auch die Regenfans wie Carmen H. brauchen keinen Gegenwind. Die Frauenkonkurrenz ist stark wie nie: sechs Läuferinnen knacken die 70 km, und Simone Stöppler dominiert mit mehr als beachtlichen 74,256 km in einem beeindruckend gleichmäßigen Rennen. Bei den Männern setzt sich Jörg Hooß souverän mit 80,827 km durch. Die MUT kann also trotz allen Wetterwidrigkeiten - die für die Helferinnen und Helfer am Streckenrand natürlich noch schlimmer waren als für die Privilegierten, die sich bewegen durften - eine sehr gute Bilanz ziehen. Die Siegerehrung und der gesellige Ausklang in der nach dem Lauf noch schöneren Halle mit Bildern vom Tag ist alles Durchhalten wert. Unbemerkt vielleicht für viele, dass eine Weltrekordlerin unter uns lief. Regina Vollbrecht, vom SCC Berlin, die bereits im letzten Jahr ihr Debut über 6 Stunden gegeben hat, hat in diesem Jahr ihren eigenen Weltrekord im Marathonlauf der blinden Frauen mit 3:18 gebrochen. Auch in Troisdorf steigert sie ihre Vorjahresleistungen trotz schlechterer äußerer Bedingungen um mehr als eine Runde. Ich hatte diese Information in einer dienstlichen Verbandszeitschrift gelesen. Da ich einige Jahre beim Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband gearbeitet habe, hat mich die Meldung und die persönliche Begegnung in Troisdorf besonders gefreut. Beeindruckend finde ich hierbei auch die Leistung des Begleitläufers. Der muss im Marathon 20 Minuten schneller laufen können, und Regina "verschleißt" häufig zwei Begleiter beim Marathon. Ein schlechter Tag des Begleiters und sie könnte ihre Leistung nicht mehr abrufen. Das sind ganz andere Anforderungen an Organisation des Trainings und an Laufgemeinschaft. Und es stimmt ja immer wieder: Sehen schützt vor Blindheit nicht.
Ilona Schlegel