Wolfgang beim Gondo-Event
Keine Ahnung an welcher Stelle............
(Bericht siehe weiter unten)

 

2. Internationales Gondo Event am 1. und 2. August 2003

2 Pässe, 1 Goldmine, 2 Schluchten, 3 Täler – Einzigartig

"Einzigartig" ist ein hoher Anspruch, so einen Lauf zu bezeichnen. Sepp Schnyder, Initiant des Gondo Events, hat ihn verwand. Und das zu Recht. Die (wenigen) Berichte über die Auftaktveranstaltung 2002 haben mir den Mund wässrig gemacht. Im Vorfeld tauschte ich mich per E-Mail mit Brigitte Wolf aus, WM-Dritte bei den Orientierungsläufern 2003. Ich war sehr gespannt auf diesen zweitägigen Cross-Trail. Meine hohen Erwartungen an einen wirklich besonderen Lauf wurden übererfüllt.

Freitag, 1. Lauftag von Gondo nach Ried-Brig, 40 km – 1800 m Auf- u. 1750 m Abstieg

Gondo ist ein schweizer Bergdorf mit 80 Einwohnern unmittelbar an der italienischen Grenze gelegen. Traurige Berühmtheit erlangte das Dorf im Oktober 2000 als eine Schlammlawine 13 Menschen mit in den Tod riss. Zwei Brüder werden heute noch vermisst. In der Schneise der weggeschwemmten Häuser findet zur Zeit der Wiederaufbau statt. "Gondo soll wieder leben" ist das Motto der Veranstaltung.

Vom Start weg geht es von ersten Meter an sofort hoch durch das Dorf über –einige der wenigen Meter Asphalt. Die ersten 6 km führen durch die beeindruckende Gondoschlucht. Läufergruppen bilden sich. Ich laufe mit Martin Kostrewa, einem in Zermatt lebenden und arbeitenden deutschen Arzt. Wir sind die einzigen Deutschen, was mich doch sehr verwunderte, wenn man bedenkt, wie Läufe in Biel, Davos, Jungfraumarathon etc. von unseren Landsleuten bestritten werden. Außer der Niederländerin Mies Kuipers sind noch 2 Österreicher am Start. Die restlichen Läufer- und Läuferinnen sind aus der Schweiz.

Gemeinsam mit Martin durchlaufe ich einen Stollen aus dem 2. Weltkrieg. Für alle die über 1.75 m groß sind, heißt es – Kopf einziehen. Kurze Zeit später verabschiedet sich Martin. Er will sich austoben. Morgen hat er lauffrei, da er sich als betreuender Arzt für die Läufer und Nordic-Walker zur Verfügung stellt. Am Ende der Gondoschlucht – kurz vor dem Dorf Gabi stürze ich aus Unachtsamkeit. Einige Schürfwunden hindern mich nicht am Weiterlaufen. Weiter geht es auf dem Stockalperweg nach Simplon-Dorf. Bei Km 10 ist der 1. von insgesamt 8 Kontrollpunkten. Wir haben eine Höhe von 1450 m erreicht. Vorbei an saftigen Wiesen und entlang an wunderschönem Bruchsteinmauerwerk führt der Stockalperweg in nördlicher Richtung hinüber nach den Weilern Eggen und Maschihüs. Vorbei an der alten Suste bei Engi und beim Schutzhaus von Napoleon im Engeloch erreichen wir den Weiler Niederalp. Bei Km 18 sind wir beim "Alten Spittal", dem 2. Kontrollpunkt auf einer Höhe von 1850 m. Die Baumgrenze liegt mittlerweile hinter uns. Die letzten Kilometer bin ich mit Franz Ulrich und Theres Meili zusammengelaufen. Franz ist einer der zahlreichen Wiederholungstäter, die den Lauf letztes Jahr schon bewältigten. In der Mittagshitze geht es auf den höchsten Punkt der Veranstaltung, den 2417 hohen Bistinenpass. Verpflegung gibt es erst wieder am 3. Kontrollpunkt, oben auf dem Pass. D.h. die Trinkflasche (zur Pflichtausrüstung gehörend) wird – wie immer – zwischen den einzelnen Verpflegungsstellen leer getrunken. Einige Wanderer – rauf wie runter – kreuzen unseren Weg. Ich setze mich beim hochgehen von Franz und Theres ab. Besser wäre ich bei Ihnen geblieben, da mir oben auf dem Pass ein großes Missgeschick wiederfährt. Ich verlaufe mich – aus eigener Dummheit – in das falsche Tal nach links. Langsam werde ich stutzig, da ich einen Läufer, den ich beim Aufstieg noch im Blick hatte, nicht mehr sehe. Nach einer guten Viertelstunde treffe ich zwei Wanderer. Nachdem wir meinen Streckenplan mit Ihrer Karte abglichen, stellten wir fest, das ich zwar erneut in einem wunderschönen, weiten Tal war, aber........leider total falsch.

Die Moral war jedoch noch nicht gebrochen und ich lief wieder zurück Richtung Pass. Diese Extratour schraubte meine persönliche Gondogesamtdistanz auf über 80 km und 4000 Höhenmeter.

Mittlerweile bin ich im richtigen "Nanztal" angelangt. Vorbei an Alphütten, saftigen Weiden und Viehherden geht es bergab zum 4. Kontrollpunkt bei Km 33 in Schratt. Im letzten Streckenabschnitt begegne ich Mies Kuipers, die in der Schweiz Urlaub mit Ihrem Mann und 3 Kindern macht. Jedes Wochenende bestreiten Sie einen anderen Wettkampf. Mies bewahrt mich davor, mich erneut zu verlaufen. Vom Bericht des letzten Jahres ist mir bekannt, das bald die Durchquerung der Saltina ansteht. Der Weg dorthin birgt jedoch noch eine Überraschung. Ehe ich ans Ufer dieses reißenden Bergflusses gelange, ist noch ein sehr steiler Abstieg über einen Knochenbrecherweg par excellence zu überleben. Als Wanderweg gesperrt, für uns Gondoteilnehmer gerade passend. Auf die Saltinatraversierung war ich sehr gespannt. Am Ufer angelangt warteten auf der anderen Flussseite zwei Feuerwehrmänner aus Brig zur Sicherung. Mit Seilen war die Passage dann möglich. Das rauschende Wasser reichte bis an die Oberschenkel; die Erfrischung war willkommen. An einer weiteren Getränkestelle konnte man sich noch mal stärken. Was soeben noch steil runter ging, ging jetzt umso steiler rauf. Da Ried-Brig nicht mehr weit sein konnte, habe ich es mit Gleichmut ertragen. Ried-Brig liegt oberhalb von Brig auf einer Höhe von 900 m. 6 Std. 15 Min. war ich für den 1. Tag unterwegs. Ohne meinen Umweg hätten es wahrscheinlich ca. 5 Std. 40 auch getan.

Während dem Lauf habe ich nichts gegessen. Irgendwie bin ich von den reichlichen Getränken satt geworden.

Genauso wie in Gondo steht uns Läufern eine Zivilschutzanlage für die Nacht zur Verfügung. Um Kraft für den nächsten Tag zu sparen, meiden wir die Sonne. Es ist nachmittags brütend heiß. Gut zum trocknen der nassen Laufkleidung, insbesondere der durchtränkten Schuhe. Binnen weniger Stunden sind diese trocken, so das ich gar kein weiteres Laufpaar am anderen Tag benutzen muß. Die Zeit geht schnell rum. Ab 18 Uhr gibt es ein reichhaltiges, läufergerechtes Buffet. Mittlerweile habe ich unglaublichen Kohldampf. Die Erlebnisse des 1. Tages werden ausgetauscht. Ich vernehme keinerlei unzufriedenen Stimmen.

Heute ist schweizer Nationalfeiertag. In der angrenzenden Turnhalle hätten wir noch einer Feierveranstaltung beiwohnen können. Wir überlassen das Feiern den Organisatoren, die es sich für Ihre liebevolle Betreuung wahrlich verdient haben auch einmal verwöhnt zu werden.

Samstag, 2. Lauftag Ried-Brig nach Gondo, 2000 m Auf- und 2050 m Abstieg, 36 km

Nach dem reichhaltigen Frühstück finden sich noch über 50 Nordic-Walker ein. Sie haben 30 km zu absolvieren. Beim Briefing wird den Teilnehmern freigestellt auf die eigentlich zur Pflichtausrüstung zählende Trillerpfeife und eine Wind/Regenjacke zu verzichten. Angesichts der stabilen Wetterlage sehen die Veranstalter darin kein Risiko.

Obwohl der 2. Lauftag kürzer ist, wird er durch die drei kapitalen Anstiege schwerer.

Der Beginn ist diesmal human. Bald folgt aber der 3 ½ km steile Anstieg auf den Schallberg (1300 m). Die Luft der ersten Laufstunde kommt mir heute etwas frischer vor. Wir bewegen uns wieder auf dem Stockalperweg. Vom Schallberg geht es runter zum Weiler Grund. Hier betrieb Stockalper ein Eisenbergwerk. Es folgt ein atemberaubender Aufstieg durch die Tafernaschlucht. Einer der schönsten Streckenabschnitte überhaupt. Mehrmals halte ich inne, um den Blick in die Schlucht zu geniessen. Viele romantische Holzbrücken sind zu queren. Es macht richtig Laune hier. Die schnellsten Nordic-Walker überholen mich mit Ihrem unterstützenden Stockeinsatz. Bei km 7 ist die 1. Kontrollstelle. Wir befinden uns auf dem längsten Anstieg von Grund (1100 m) zum Simplonpass (2006). Hier befindet sich eine größere Zuschaueransammlung und der 2. Kontrollpunkt. Gerade mal 11 km sind geschafft. Wir wechseln von der Nordseite zur Südseite des Simplon. Südlicher Charme kommt uns entgegen. Das Wetter ist wie immer diesen Sommer, brütend heiß. Ich verwende größere Mengen Wasser um meinen Kopf zu kühlen. Später muß ich meine Kappe endgültig dauerhaft aufsetzen. Wir laufen an einem mächtigen Steinadler vorbei. Hinterher stellt sich dieser Vogel, als das Wahrzeichen des Simplon heraus. Das runterlaufen vom Simplon vollzieht sich relativ gleichmäßig. Einige km des Weges sind mit gestern identisch. Alles andere als langweilig, es geht schließlich in die andere Richtung und man hat eine andere Sichtweise. Das "Alte Spittal" ist diesmal von oben zu sehen. Kurz vor Simplon-Dorf sind mehrere Bewässerungsanlagen in Betrieb. Die Abkühlung geniesse ich.

In Simplon-Dorf ist der vorletzte Kontrollpunkt. Die Gäste eines gegenüber liegenden Restaurants zollen allen Teilnehmern ihren verdienten Applaus. Weiter geht es über den Stockalperweg. Das Laufen macht richtig viel Spaß. Eine prächtige Wiese folgt der nächsten.

In Gabi trennt sich der Weg von Läufern und Walkern. Letztere marschieren direkt Richtung Gondo. Am tiefsten Punkt von Gabi ist noch mal eine Verpflegungsstelle aufgebaut. Dort steht u.a. Martin Kostrewa. Er deutet auf einen Strommast, oben auf dem Furggu-Pass. Also noch mal 600 Höhenmeter auf 3 km und das nachdem ich schon 3400 Hm in den Beinen habe. Innerlich taufe ich diesen Berg, "Furggu" der Schreckliche. Auf dem langen Weg hoch mache ich einige kleine Päuschen. Einmal zur Erholung, aber auch um die umliegenden schneebedeckten Gipfel zu geniessen. Die Sonne brennt von oben. Mein Kreislauf ist stabil und der Kopf ist klar. Auf dem Furggu befindet sich der letzte von 8 Kontrollpunkten. Meine Karte ist also voll abgeknipst. Jetzt nur 10 km runter nach Gondo, aber wie.

Einen knappen Km nach dem Furggu steht eine leicht bekleidete Sennerin vor Ihrer Alphütte und bietet kristallklares Wasser an. Eigentlich habe ich nicht schon wieder Durst, kann jedoch nicht nein sagen. Die Organisatoren denken wirklich an alles. Neu motiviert laufe ich Richtung Zwischbergental weiter. Auch bei diesem Abstieg gilt: was supersteil rauf geht, geht auf der anderen wieder supersteil runter. Ich steige äußerst vorsichtig ab, um einen weiteren Sturz zu vermeiden. Es wäre zu schade sich auf kurz vor dem Ziel noch die Knochen zu brechen. Ich kann mir nur schwer vorstellen, hier runterzukommen, wenn es regnet und die Steine glatt sind. Auch an dieser Stelle ist es einfach ein Genuss ins Tal zu blicken. Das Flussbett des Doveria bietet einen wildromantischen Einblick.

Bald sollen auch die Goldminen auftauchen. Auch das Zwischbergental hat noch seine Reize. Ein Genuss hier zu laufen. Das Ziel ist jetzt nicht mehr weit. Einige kurze, leichte Gegenanstiege sind immer mal wieder zu bewältigen. Ich glaube die ersten Stimmen aus dem Zielraum zu hören. Wanderer bestätigen mir, das es nur noch ein knapper Km ist. Im Ziel empfängt mich der Speaker Franz Eyer. Das Zelt ist schon voll von Läufern und Walkern und deren Anhang und fast allen Einwohnern von Gondo. Ein spektakuläres zweitägiges Laufabenteuer hat sein glückliches Ende gefunden. Hungrig stürze ich mich nach dem Duschen auf die leckere Polenta.

Für mich persönlich war es das schönste Lauferlebnis in 2003. Heilfroh bin ich auch, das meine im Januar 2002 von Dr. Altmann in Linz operierte Achillessehne diesen ultimativen Belastungstest einwandfrei überstanden hat. Vorher bin ich die Marathons im Siebengebirge, im Königsforst und in Bonn gelaufen. Danach den herrlichen 50Km – Westerwaldlauf in Rengsdorf und die 59 km von Biel.

Gewonnen hat den Gondo-Event Gilbert Studer vor dem Premierensieger Anton Abgottspon. Bei den Frauen verbesserte Lucia Näfen aus Brig Ihren eigenen Streckenrekord. Insgesamt gab es 38 Finisher. Nach dem 1. Tag gaben 5 Läufer auf. Die 8 gestarteten Frauen kamen alle durch. So auch die jüngste Teilnehmerin – die 18-jährige Michaela Squaratti aus Gondo - ; ihr Vater ist einer der noch Vermissten.

Das Startgeld von 300 sfrs ist nicht billig, m.E. aber gut investiert. Dafür gibt es eine traumhafte Landschaft, 2 Übernachtungen, 3 Abendessen, 2 x Frühstück, Gepäcktransport, Busticket von Brig nach Gondo und zurück, eine rührende, liebevolle Betreuung und die höchste Ärztedichte ( 3 Ärzte auf 43 Läufer). Außerdem ein Funktions-T-Shirt, eine eingeschweißte Urkunde rasch nach dem Zieleinlauf, weitere nützliche Laufutensilien und einen reich gedeckten Gabentisch. Selbst für meinen bescheidenen 10. Platz in meiner Altersklasse erhielt ich noch ein edles Weinbouquet.

Ich danke dem Team um OK-Präsident Claude-Alain Schmidhalter, das ich an dem Gondo-Event teilnehmen durfte.

Der Lauf gehört aus der Geheimtippecke herausgeholt. Das Event hat es verdient, das am 30. und 31. Juli 2004 das Teilnehmerlimit von 120 Läufer/innen ausgeschöpft wird. Anmeldungen unter www.gondoevent.ch

Zwei Anregungen habe ich noch für die Veranstalter: 1. Die Streckenmarkierungen könnten für Ausländer noch etwas verstärkt werden und 2. an einigen der reichhaltig bestückten Verpflegungsstellen ist Gelegenheit, diese im Schatten, statt in der Sonne aufzubauen. Die Läufer, die an diesen Stellen in Ruhe verweilen wollen, danken es Ihnen.

Wolfgang Menzel
9.8.2003